[Gastbeitrag] Zivilcourage

Sehr geehrte Leserin,
sehr geehrter Leser!

Letzte Woche wurde mir die Ehre zuteil, einen Lehrgang an der Feuerwehrschule zu besuchen.

Während dieser Zeit war mein Internetzugang beschränkt und außer diversen Klatschblättern, deren Kauf ich grundsätzlich ablehne, war auch keine Zeitung käuflich erwerbbar.

Sobei erfuhr ich nur nebenbei von einem Ereignis, das mich sehr tief berührt hat.

Ein Manager bekommt mit, wie in der S-Bahn vier Kinder von Jugendlichen attackiert werden, er schreitet schützend ein, ruft die Polizei, steigt mit den Kindern an ihrer S-Bahn-Station aus und wird dort vor deren Augen ermordet, “Mord aus niederen Beweggründen”wie man diese Tat vereinfacht nennt.

Die Verhaltensweise des Managers nennt sich “Zivilcourage” und wird seitdem weltweit thematisiert. Dabei fordern Bürger in einer “Tageszeitung” diverse Auszeichnungen für den Manager, 62.291 Mitglieder eines “freundesnetzwerkes” traten einer Gruppe für Zivilcourage, bezogen auf diesen Fall, bei.

Doch ich frage mich: Wer von den 62.291 Mitgliedern, welche Stimme hinter einem Ruf nach Orden und Auszeichnungen, welcher Organisator von Kundgebungen wäre in dieser verhängnisvollen S-Bahn aufgestanden? Welcher schlaue Kommentator auf diversen Nachrichten-Websites hätte “die Notbremse gezogen”, hätte “den Fahrer informiert” oder hätte überhaupt den Vorgang aktiv beobachtet und sich nicht weggedreht?

Hätten Sie, verehrter Leser, alleine 4 Kinder beschützt? Hätten Sie überhaupt die Polizei gerufen? Wären Sie dem Geschäftsmann zu Hilfe geeilt, als die Situation eskalierte? Hätten Sie sich nicht einfach weggedreht und das Scharmützel Heranwachsender ignoriert? Rein realistisch betrachtet, wie hätte ich reagiert?

Wie viele Fälle von Gewalt in Deutschland könnten durch das Eingreifen Dritter verhindert werden?

Leider ist die Mentalität des Menschen darauf ausgerichtet, möglichst sich selbst zu beschützen und sich nicht in die Dinge anderer einzumischen.

Aber wodurch entsteht solche Gewalt? Was geht in den Köpfen der Täter vor?

Nehmen wir doch mal einige Beispiele her:

  • Jugendliche ermorden einen Mann, der sich vor ihre potentiellen Opfer stellt. Es geht um 15 Euro. Die Hemmschwelle, ein menschliches Wesen zu ermorden ist nicht gegeben.
  • Tim K. geht in seine Schule und ermordet mehrere Menschen, darunter Jugendliche. Es geht nicht um Geld, es geht um reinen Hass. Der Tod mehrerer Menschen und der eigene Tod werden einkalkuliert.
  • Mehrere Jugendliche gehen in ihre Schule, schießen um sich, ermorden mehrere Menschen, die sie gar nicht kennen. Keine Hemmschwelle erkennbar.
  • Jugendliche greifen einen älteren Mann an, der friedlich für Ordnung in der U-Bahn sorgt. Wo ist der Anstand?
  • Dr. Joseph Mengele ermordet zahlreiche Menschen, um Versuche an ihnen durchzuführen. Er ist von politischer Propaganda besessen.
  • Mohammed Atta steuert ein vollbesetztes Flugzeug in ein Hochhaus. Auch er ist religiös überzeugt, das richtige zu tun und tötet dabei mehr als 3.000 Menschen

Was muss im Gehirn eines Menschen vorgehen, dass er zu solchen Aktionen fähig ist?

Alleine die Fähigkeit dazu! Wenn in diesem Zusammenhang Namen fallen, die in den Geschichtsbüchern mehrere Kapitel füllen: Diese haben nicht aktiv getötet, sondern “nur” den Befehl gegeben. Mir geht es aber um die Ausführung solcher Taten.

Ich kann bedenkenlos mit einem Maschinengewehr durch eine Halle laufen und meine eigenen Freunde ermorden. Zumindest steht über den Figuren auf meinem Bildschirm “Sepp”. Trotzdem läuft es mir jedes Mal eiskalt den Rücken hinunter, wenn ich einem Kunden (ich arbeite in einer großen Bank) eine Auszahlung mangels Guthaben verweigern muss. Wieso tut mir alleine der Gedanke an den psychischen Schmerz eines Anderen weh?

Was macht man nun mit einem solchen Menschen? Gehen wir doch mal die diversen Möglichkeiten durch:

  • Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung? Kostet bspw. in Hamburg etwa 130 Euro pro Tag. Möchte ich das bezahlen? Nein.
  • Todesstrafe? Wurde bei uns abgeschafft, kann man auch darüber diskutieren. Laut meinem Empfinden sollte der Schuldige auch abbüßen, was er getan hat. Frei nach Britney Spears: ”Ich bin für die Todesstrafe. Wer schreckliche Dinge getan hat, muss eine angemessene Strafe bekommen. So lernt er seine Lektion für das nächste Mal.”
  • Arbeitslager? Ein historisch vorbelasteter Begriff, aber wir wissen alle, was ich meine. Das wäre meines Erachtens die beste Lösung. Trotzdem wird es bei uns nicht angewandt, also bleiben nur die 130 Euro Hotel mit Vollpension.

Wenn ich mitbekomme, dass Menschen bereits mehrfach behandelt wurden, weil sie psychisch auffällig gewesen sind, dann kann man nachher immer noch sagen “Hätte man ja vorher wissen können”. Jedoch heißt es andersrum wieder, dass jeder Mensch eine zweite Chance benötigt und man ihm diese geben muss, sei es durch Behandlungen oder Therapien.

Wie kann man im Vorhinein solchen Taten präventiv entgegenwirken? Auffällige Menschen wegsperren? Da haben wir wohl aufgrund unserer niemals zu vergessenden Geschichte verloren. Definieren wir einmal den Normalmenschen: … … … … … hmm … Bin ich normal? Wieso engagiere ich mich ehrenamtlich ohne Geld zu bekommen? Wieso sammle ich Münzen, runde Metallscheiben? Wieso blogge ich für jemanden, der mir dafür keinen Cent (okay, einen Kaffee!) geben wird? Könnte ich als erfahrener Amtsarzt zwischen “noch zu retten” und “gefährlich” unterscheiden?

Nehmen wir ein Beispiel aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft: Ein Mann wurde von Amtswegen in das Bezirkskrankenhaus eingewiesen, weil er eine “Gefahr für sich und andere” darstellte. Nach mehreren Untersuchungen stellte der Amtsarzt fest, dass ein Festhalten nicht angebracht sei, da der Mann keine unmittelbare Gefährdung darstelle. Am selben Tag verübte dieser einen sexuellen Übergriff gegen eine wehrlose Frau.

Konnte man bei den Jugendlichen feststellen, dass sie einen ausgewachsenen Geschäftsmann umbringen würden?

Die politische Diskussion darüber geht weiter, eine Lösung für so etwas kann es nicht geben.

Aber wie kann man aktiv gegen solche Angriffe vorgehen? Wie macht man es denn im Kindergarten? Wenn drei Kinder im Kindergarten gegen 2 Kinder vorgehen, müssen nur 4 weitere Kinder bei der Minderheit auftauchen, schon ist die Sache entschieden. Wegschauen ist die eine Sache, man wird nicht betroffen sein und wird nicht in Scherereien geraten.

Wie fühlt man sich anschließend? Bekommt man nicht Ärger wegen unterlassener Hilfeleistung?

In diesem Fall sollte das Prinzip der Masse gelten. “Einer gegen viele” ist unfair. Man sollte sich erheben und “viele gegen noch mehr” gelten lassen. Unter vielen ist man anonym, man kann aber etwas bewirken.

Ich selbst werde dies versuchen, kann es aber nicht versprechen, wie ich im Ernstfall reagieren würde. Es wirkt, wenn man Untätige anschreit, dass sie helfen sollen.

Bleibt nur noch die Frage offen, was man mit den Tätern macht? Dem Schulattentäter von Ansbach (“Amoklauf” ist so ausgelutscht), den Angreifern von München-Solln?

Mein Vorschlag wäre Arbeitslager (ich weiß!) mit Leistungsbemessung, d.h. “Nähe 150 Fußbälle zusammen, oder es gibt kein Abendessen”. Wie die Justiz entscheiden wird, darauf warte ich.

Nun möchte ich zur Diskussion anregen:

  • Was geht im Kopf solcher Menschen vor?
  • Zivilcourage: Was würdet ihr realistisch tun?
  • Die Täter: Was stellen wir mit ihnen an?

Eine nachdenkliche Zeit wünscht,

Ihr
Christoph van Bracht
Gastblogger

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4 Responses to [Gastbeitrag] Zivilcourage

  1. Tobias Schaub sagt:

    Ich habe beispielsweise von einer recht interessanten Einrichtung gehört. So eine Art Besserungslager für Jugendliche.
    Soll nur ein Beispiel sein…

    In Finland gibt es einen Mann, der unheimlich abseits von jeglicher Zivilisation im Wald lebt. Dort nimmt er jedes Jahr einen neuen Jugendlichen auf und “macht ihn kaputt”. “Dir ist kalt? Dann geh Holz hacken für den Ofen!”. Soll angeblich super funktionieren. Mein Vater kennt diesen Mann persönlich. Alleine die Tatsache, dass es One-on-One ist finde ich sehr interessant. Es gibt keine Möglichkeit sich mit gleichgesinnten zusammenzutun oder gar gegen den Betreuer zu verschwören. Wegzulaufen bringt auch nicht viel, denn bis du das nächste Fleckchen Zivilisation erreicht hast, sind deine Schuhe durchgelaufen. Einige der Jungs, die dort waren möchten danach nie wieder dort oben weg. Der Betreuer hat noch mit jedem der Jungs, die mal bei ihm waren regen Kontakt und nach dem einen Jahr betrachten sie ihn alle als einen guten, oftmals sogar als den besten, Freund.

    Ich persönlich befürworte Modelle wie Arbeitslager oder Besserungsanstalten… sind aber leider Modelle, die aufgrund unserer niemals alt werdenden Geschichte wohl so niemals durchsetzbar sein könnten.

  2. Stefan T. sagt:

    Es freut mich solch aufrüttelnde Beiträge irgendwo im Internet zu finden :)

    Aber ich denke wir sollten nicht so viele Fragen stellen.
    Denn im Endeffekt wissen wir für uns selbst ohne jeden Zweifel was richtig und was falsch ist. Schon alleine zu wissen, dass man Menschen in Not ohne jegliche Bedenken helfen sollte, ist wohl in der heutigen Zeit schon eine Menge wert.
    Die Tatsache dieses Wissen zu haben, ist Schritt Nummer 1. Auch wirklich zu handeln, Schritt Nummer 2.
    Doch am wichtigsten: Anderen dadurch ein Vorbild sein, damit sie es uns gleich tun …

    “Wir sollten viel mehr sein, lass uns ein Meer sein … ”
    :)

  3. Christoph van Bracht sagt:

    Herr Schaub, danke für die Information. Sehr interessant, und ich denke genau an so eine Art “Arbeitslager”, danke für das Beispiel! Und: Es funktioniert!

    Stefan T., danke für den Kommentar.
    Leider stelle ich mir im Angesicht solcher Taten sehr viele Fragen. Und genau diese wollte ich los werden! Aber es ist klar, da sind wir uns einig: Jeder sollte eine Vorbildfunktion für Andere nutzen. Nicht lenken oder befehlen, sondern nur Vorbild sein!

  4. Max F. sagt:

    Die Frage ist doch, aufs essentielle beschränkt, eigentlich klar:

    härtere Sanktionen oder präventive Maßnahmen?
    Meiner Meinung nach sollte beides verwirklicht werden, nur der Täterschutz wird bei manchen einfach immer noch zu groß geschrieben!
    Ich hoffe aber, dass die ermittelnde StA und das Gericht ein Exempel statuieren werden!
    Allein aus meiner beruflichen Sicht hab ich keine Lust, dass es noch schlimmer wird! Und ja, auch LA ist zu manchen Zeiten und zur falschen Zeit nicht grad eine schöne Stadt!

    Und zum Schlagwort Zivilcourage: die 110 sollte jeder einigermaßen gefahrlos wählen können!

    Hoff der Comment is ned zu kurz und wirr gschrieben, man verzeih mir, es ist Freitag :P

    Achja: guter Text Christoph!