Fremdschämen für Fortgeschrittene

Verehrte Leserin,
verehrter Leser,

Hand aufs Herz, bevor Sie weiterlesen: Wann haben Sie sich das letzte Mal fremdgeschämt?

Das erlebt man ja täglich: Die Frau errötet bei einer anzüglichen Bemerkung ihres Mannes, die Mutter schämt sich für eine Tat ihres kleinen Kindes, oder man schämt sich mit, weil man etwas “Unsittliches” gesehen hat.

Was ist eigentlich “fremdschämen”? Man fühlt sich aufgrund eines Vorfalles in der Pflicht, betroffen zu wirken, um die erhoffte Betroffenheit des “Täters” zu untermauern, obwohl man das gar nicht müsste. Man tut es einfach.

Eine ausführlichere Definition finden Sie bei http://www.literaturcafe.de/fremdschaemen-definition/

Wie Sie vermutlich letzten Dienstag lesen durften, habe ich versucht, in die Türkei zu fliegen. Dort bin ich jetzt (mit Meerblick!) angekommen und fühle mich genötigt, bei angenehmen 24 Grad den eigentlich vorgemerkten Artikel zu ersetzen. Grund dafür ist folgender:

Ich befinde mich also den vierten Tag hier in der Türkei, einer islamisch geprägten Kultur.

Was mir auffällt, ist viel Prunk von Hotelanlagen (Pool, Luxus, Klimaanlagen, gut angezogene Leute) zwischen kleinen verfallenen Häusern.

Die komplette Umgebung besteht aus Märkten, Stand an Stand, mit (vermutlich gefakten) Markenklamotten („alles echt!“), Masseurstudios („gute medizinische Massagen“), Apotheken („Viagra + Alcohol = No Problem!“), Optikern („Wenn Sie Untersuchung wollen, müssen Sie zuerst Kaufvertrag für Brille unterschreiben!“) und Reiseveranstaltern („Alles gut versichert, keine Problem“).

Ich schäme mich selbst und auch für alle anderen, wenn ich in meinem klimatisierten Bus an einem Feld vorbei zum Hamam (Wellness) fahre, wo Kinder und alte Leute bei 32 Grad im Schatten ihre Arbeit verrichten. Gut.

Aber was meine eigentliche Frage ist: Bin ich komisch oder einfach nicht „westlich“ genug?

Ich hatte heute drei Erlebnisse, die mich daran etwas mehr oder weniger zweifeln lassen:

  1. Wir befinden uns im hoteleigenen Restaurant, hier arbeiten Kellner, deren Freundlichkeit proportional zur gegebenen Menge “Schmiergeld” steigt. Diese verdienen vermutlich nicht einmal die Hälfte dessen, was ich monatlich nach Hause trage.
    Ich durfte erleben, wie ein deutscher junger Mann, etwa mein Alter, den vierten Teller vom Buffet holte und nach einem Drittel aufgab. Der Kellner kam vorbei, fragte “Fertig?” und der junge Kerl grinste den Kellner einfach nur dreckig an und reckte ihm beide Daumen entgegen.
    Was geht nun im Kopf dieses armen Mannes vor? Er arbeitet morgens, mittags, abends, jeden Tag, bei 30 Grad im Schatten, flitzt von Tisch zu Tisch, serviert Getränke, räumt ab, erfüllt alle Wünsche. Und dann trägt er einen fast vollen Teller eines Pauschaltouristen in Richtung Mülleimer. Ob er seinen Kindern jemals solch eine Portion, die jetzt noch übrig ist, auftischen kann? Vermutlich nein, denn soviele unterschiedlichen Speisen kocht keine normale Hausfrau. Aber wieso füllt man den Teller zum vierten Mal gehäuft voll (ich habe mitgezählt!), nur um dann den eh schon vollen Magen komplett zu füllen und den Rest einfach wegzuwerfen? Und das vor den Augen der Leute dieses Landes, die es gekocht haben, es serviert haben, aber selbst niemals so ein Leben führen können. Ich war entsetzt. Ich esse auch viel und muss mir Kommentare wie “runderes Gesicht” anhören, ja, aber immer nur so viel, wie Platz hat. Und mehr kommt auch nicht auf den Teller, dann geh ich eben dreimal!
  2. Selber Ort, selbe Zeit. Am Tisch neben mir sitzt ein älteres Ehepaar unserer Nationalität, zusammen mit vier Leuten, die eben auch Platz gebraucht haben. Der Platz gehört den Beiden, musste ich lernen, das weiß auch der Kellner und hält den Platz frei. Schmiergeld.
    Als die Frau nun mit ihrer Hauptspeise fertig war (der Mann muss immer Essen holen gehen!), zündete sie sich erstmal eine an. Und das, obwohl 4 Leute noch essen. Lassen wir die Leute direkt hinter ihr oder an den Nebentischen mal außen vor, aber wieso tut man so etwas, wenn am selben Tisch noch gegessen wird. Das ist doch eine Frage der Höflichkeit! Und wenn die Sucht noch so drückt, das ist eine Frage der guten Sitten… Man könnte zumindest vorher fragen! Ein “Nein” in solch’ einer Situation habe ich noch nie gehört, auch wenn jedes “Ja” eigentlich ein “Nein” ist, seltsames Phänomen. Wie bei Frauen, Ja = Nein, Nein = Ja…
    Ich habe mich fremdgeschämt. Obwohl ich nicht Schuld war.
    5 Stück waren es übrigens während der einzelnen Ausflüge ihres Hündchens Mannes zum Buffet. Ich bin nicht neugierig, ich saß nur am ersten Abend an just jenem Tisch.
  3. Der dritte Vorfall des heutigen Tages fand zeitlich gesehen eher statt, stört mich aber jetzt noch. Ich bin zutiefst entsetzt, um es deutlicher zu sagen.
    Ich spreche nun nicht mehr von Einzelpersonen oder “den Deutschen”, sondern von der gesamten Ausflüglergruppe, bestehend aus Deutschen, Schweizern, Franzosen und Niederländern.
    Nach einigen Besichtigungen kamen wir zur letzten Station des Tages: Der Moschee in Manavgat, ihres Zeichens die größte Moschee der Region.
    Unsere Reiseleiterin teilte uns bei der Anmeldung am Samstag folgende Punkte mit:
    - Röcke/Hosen bis mindestens über die Knie
    - Schultern bedeckt
    - keine Kappen für Männer und dort ausleihbare Kopftücher für Frauen.
    Das war mir klar, dass ich so antreten muss, wenn ich eine Moschee betrete und fragte sie, ob sie denn so etwas extra erklären muss?!? Sie sagte “Ja” und sollte Recht behalten.

    So kam es, dass ca. 30 Leute an der Moschee eintrudelten und nochmals die Regeln zum Lesen am Eingang hatten. Auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Russisch, für jeden also etwas.
    Da zuerst mal nette Fotos auf der Treppe gemacht werden mussten, war ich als Erster, gefolgt von meiner Liebsten, im Innenraum der Moschee (wunderschön übrigens).
    Beide hatten wir den ganzen Tag bei 30 Grad längere Hosen an (bis über die Knie), schulterbedeckende Oberteile, die Köpfe wie verlangt entblößt / verdeckt. Zur normalen Art in einem Gotteshaus gehört es sich, dass der Blitz ausgeschaltet wird und man sich ehrfürchtig verhält. Mission erfüllt. Wie in zigtausenden anderen Kirchen eben auch.
    Nachdem ich alles gesehen und fotografisch festgehalten hatte, ausgenommen die anwesenden Betenden, deren Religionsausübung ich aus Respektsgründen nicht verewigen wollte, traf auf einmal ein Rudel aus ca. 25 Personen ein, allesamt die Menschen aus meiner Reisegruppe, manche mit Kappe und Sonnenbrille ausgestattet.
    Zuerst diverse Kinder, die anscheinend die Bedeutung “Moschee” mit “Kinderspielplatz” übersetzt bekamen, und sich tierisch über die Verkleidung mit Kopftüchern amüsierten. Kinder.

    Doch dass sich erwachsene Menschen derart respektlos verhalten können, war mir noch nie aufgefallen. Jede Situation, die mit Blitzlicht (samt Red-Eye-Reduction-Flash) fotografiert wurde, wurde lauthals kommentiert. Über Betende (man betet im Islam, falls Ihnen nicht bekannt, u.a. kniend mit dem Kopf auf dem Boden) wurde sich amüsiert, diese mit o.g. Red-Eye-Reduction-Flash fotografiert. Als diese schnatternde Gruppe von Touristen dann damit begann, sich noch lauter zu unterhalten (Traudi steht im linken Eck, ihr Berti im rechten Eck) und letztendlich eine Niederländerin aus unserem Pulk eintrat, gekleidet mit einem Kleidchen, von der Mitte ihrer Brüstchen bis ca. 4 cm über ihr umso mehr exzessives Hinterteil reichend (und sie war nicht mal schön, um ansatzweise entschuldigend klingen zu können), von oben bis unten mit zum Kotzen hässlichen anzüglich wirkenden Motiven tätowiert und das Kopftuch lässig über die Hälfte ihres Kopfes gelegt, platzte mir der Kragen: Ich musste die Moschee verlassen, um nicht ausfallend zu werden. Die Treppen hinuntergehastet, setzte ich mich schimpfend auf eine Bank, erstmal Luft holend. Auch ich bin nicht mehr der Jüngste. Dort traf ich auf einen anderen Zeitgenossen unserer Gruppe, der fröhlich mit dem Wasser aus dem Waschbrunnen pritschelte (man wäscht sich vor der Begegnung mit Allah), um ein möglichst witziges Fotomotiv zu ergeben.

    Hallo? Das ist die RELIGION hier! Das ein oder andere “Zefix” entrutscht mir auch, natürlich, um Gottes Willen (und schon wieder hat er “Jehova” gesagt). Aber was würde ich denn tun, wenn ich im stillen Gebet in meiner Kirche sitze (wird nie der Fall sein, aber lassen wir alle mal die Wahrscheinlichkeitsrechnung außen vor) und auf einmal eine halbnackte Touristengruppe aus Tunesien einfällt, lauthals schnatternd, allesamt ihre Käppis auf und sich über meine Art des Betens lustig macht? Und draußen vor der Tür gerade ein 55-jähriger Mann sich von seiner Frau fotografieren lässt, wie er mit dem Weihwasserkessel herumspritzt? Lassen wir diese Situation, die mir in dieser als unwahrscheinlich einzustufenden Situation sehr wahrscheinlich mitten im Gotteshaus eine auf niederbayrisch formulierte Gotteslästerung entlocken würde, mal in unseren Köpfen Wirklichkeit werden. Ich, für meinen Teil, musste demzufolge sofort in den Bus steigen und durchschnaufen.

Wie sehen Sie das? Reagiere ich etwas gar sensibel? Ist es einfach “typisch europäischer Pauschal-All-inclusive-Touristen-Art”, sich so zu verhalten? Auf die Religion meiner Gastgeber zu schei… pfeifen (entschuldigen Sie meinen Fast-Ausrutscher) und mich im Gotteshaus aufzuführen, als hätte ich noch nie in meinem Leben gelernt, dass man in der Kirche nicht laut spricht? Dann mache ich keinen Pauschalurlaub mehr. (Im Hinblick auf den letztwöchigen Artikel vermutlich sowieso klüger…)

Oder haben die Menschen von heute den Anstand verlernt? Ich bekam immer Anpfiff, wenn ich in der Kirche einen Freund mit einem etwas lauteren “Hallo” begrüßt hatte. Der Respekt vor Gotteshäusern ist mir einfach beigebracht worden. Wieso den 25 anderen nicht?

Und ich spreche hier für 4 westeuropäische Länder, nicht nur über den “Standard-Preussen” oder den “sowieso unmöglichen Holländer” (O-Ton, nicht von mir), nein, 25 erwachsene Leute jeglicher Schicht, jeglicher Herkunft.

Ich toleriere die andere Religion, auch wenn andere über den Busfahrer lachten, der mit Teppich links, Kompass rechts, in einer Pause hinter den Bus ausrückte, um den Teppich nach Mekka auszurichten und barfüßig zu beten.

Aber ist es so schwierig, sich in einer Moschee zu verhalten, wie es sich gehört?

Bitte zögern Sie nicht, mir eine gegenteilige Meinung zu geben, ich wäre dankbar darüber, da ich im Moment wirklich an mir zweifle.

Ist es so absurd, dass ich mich heute 3-mal enormst fremdschämen musste?

Eine nachdenkliche Woche, mit Dank für die vergangenen und hoffentlich noch kommenden Kommentare gespickt, und die besten Grüße aus der Türkei wünscht Ihnen

Ihr
Christoph van Bracht

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Eine Kommentar auf Fremdschämen für Fortgeschrittene

  1. Tobias Schaub sagt:

    Kann dein “Fremdschämen” vollkommen nachvollziehen. Gerade der dritte (oder zeitlich gesehen erste =) Vorfall löst in mir so die eine oder andere Erinnerung aus. Ich selber war viele Jahre sehr engagiert in der katholischen Gemeinde meiner Heimatstadt. haben eine schöne große und prunkvolle Kirche, die auch viel von Touristen be-/heimgesucht wird. Dort musste ich auch schon oft erfahren, wie daneben sich manche Leute verhalten.

    Hier ein paar Beispiele:

    - Genüssliches Spazieren über den Chorraum (Wo Altar und Hochaltar stehen)
    - Ausprobieren der Beichtstühle mit anschließenden Fotosessions
    - Wettbewerbe, wer mit einem Pusten die meisten Opferlichter aus bekommt
    - Hotpants und Spaghettitops in der Kriche
    - Sex in der Kirche (!)
    - Telefnoieren in der Kriche und sogar während Gottesdiensten

    Die Liste könnte ewig so weitergehen. Was man dagegen machen kann? Ich schmeiß die Leute einfach raus. Ob ich nun in offizieller Funktion dort war (Zivi, Messdiener, Lektor oder sowas) oder ganz privat. Die meisten Leute merkten wie dumm und unpassend sie sich verhielten, wenn man es ihnen sagte.